„Sie können es im Handwerk nicht über den Preis regeln. Sie können nur Qualität liefern.“
— Wolfgang Lenz, Schuhmacherei Lenz, Münchener Straße 36
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Wolfgang Lenz setzt auf besondere Qualität:
Er repariert nicht nur Schuhe, sondern sorgt für gute Haltung.
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Wie hat das hier mit Ihrem Schuhgeschäft angefangen?
Diese Schuhmacherei wurde 1941 meinen Eltern von meinem Großvater zur Hochzeit geschenkt. Der war Schuhmacher in Wiesbaden. Hier war auch vorher schon ein Schuhmacher drin, der hat das Geschäft verkauft. Es war ja Krieg, so genau kann ich Ihnen das nicht sagen, wie das war. Aber 1941, am 1. November, wurde die Firma hier von meinen Eltern angemeldet.
Und wie kamen Sie zu der Schuhmacherei?
Ich wurde hier geboren. Während dem Krieg haben meine Eltern hier in dem Haus gewohnt und wie das halt so war… dann ist man eben auch Schuhmacher geworden. Die Lehre habe ich mit 15 oder 16 angefangen.
Haben Sie auch vor der Lehre im Geschäft mitgearbeitet?
Ich bin zur Schule gegangen und nachmittags hat man dann hier im Laden mitgeholfen, Hausaufgaben gemacht, das ist so üblich gewesen. Man hatte nicht extra ein Kinderzimmer zu der Zeit.
Wohnen Sie immer noch hier im Haus?
Nein. Meine Eltern haben 1953 gebaut, im Westend, und wir, meine Frau und ich, wohnen jetzt im Nordend.
Können Sie sich erinnern, wie das Bahnhofsviertel zur Zeit Ihrer Kindheit und Jugend war?
Ich kann mich erinnern, dass es hier in meiner Kindheit zum Beispiel Hungerkünstler gab. Da war so ein Glaskasten und da hat der drei oder vier Wochen bei Wasser und Brot da gesessen und hat gehungert. Hier waren Baustellen, hier gegenüber waren zum Teil die Häuser weg und da waren Imbissbuden usw. Als ich älter wurde und mir Gedanken darum gemacht habe und einen Beruf hatte, war die Bahnhofsgegend sehr bunt. Es war hier natürlich – Bahnhofsmilieu, Prostitution und Kneipen – so was war „in“. Es gab Würstchenbuden, Bäcker, Schreiner, Schlosser und Spengler, alles das war hier. Wir waren die Anbindung zur Kaiserstraße und es gab teilweise Durchgänge von den Häusern, sodass man von der Kaiser- direkt in die Münchener Straße konnte.
In den sechziger Jahren war hier nebendran, wo jetzt die Bank drin ist, mal der „Heldmaier“. Die haben Fahrrad- und Motorradreparaturen gemacht und eine Fahrschule. Später ist dann da ein Buch- und Zeitungsversand gewesen, die Merkur.
Das bedeutet, das hier war schon immer ein sehr handwerkliches Viertel?
Ja, ganz früher sind die Häuser von Wohnraum auf Gewerbe umgenutzt worden, weil die Wohnungen nach dem Krieg, die noch in Takt waren, Altbauten, riesengroße Wohnungen waren. Hier gegenüber, das war nach dem Krieg ein Postwohnheim mit einzelnen Zimmern, im Flur gab’s ein Bad oder zwei und die Toiletten – da haben Postbedienstete drin gewohnt. Das war diese Phase, wo man froh war, dass man wohnen konnte und den Luxus noch nicht hatte, in seinen eigenen vier Wänden eine Toilette zu haben.
Sie haben ja gesagt, dass Sie von Anfang an in den Betrieb hineingewachsen sind. Wie war die Situation für Sie? War von Beginn an klar, dass Sie das gerne machen wollen?
Das hat sich so entwickelt. Mein Vater ist gestorben, da war ich 21, dann hab ich gleich die Meisterprüfung gemacht. Ich war damals der jüngste Meister hier im Betrieb, denn sonst hat man ja noch Gesellenzeit und all das gebraucht. Man ist da hineingewachsen. Ich hatte mir vorgestellt, da fährst du mal ein Jahr in die Schweiz oder mal ein Jahr irgendwo anders hin gucken. Das ist dann halt flach gefallen, weil man hier im Betrieb war. Man hat auch nicht mit 30 oder 40 eine Familie gegründet, sondern ich hab da halt früher angefangen, wie das eben so üblich war. Dafür hab ich heute meine Kinder groß und kann schon mit den Enkeln spazieren gehen.
Hätte es denn etwas gegeben, das sie lieber gemacht hätten oder das Sie immer schon interessiert hätte?
Nein, an und für sich nicht. Am Anfang hab ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Es geht uns gut und warum soll ich mich da verrückt machen?
Gab es auch mal Zeiten, in denen es nicht so gut lief?
Also im Grunde nicht. Es gibt, wie in allen Geschäften, gewisse Flauten. Man sagt, wir haben sieben magere und sieben fette Jahre, so können Sie das bezeichnen. Es gibt immer mal Schwankungen. Nach dem Krieg war es klar, da hat jeder ein oder zwei Paar Schuhe gehabt und die wurden repariert. Das waren ja auch Schuhe. Wenn Sie heute sehen, was Sie tragen, Behältnisse für Füße sag ich immer. Das ist alles importierter Sondermüll. Wenn Sie die Dinger verbrennen, verstoßen Sie gegen alle Auflagen.
Hier am Bahnhof war der Bau der U-Bahn ein großer Einschnitt, denn da sind ja tausende Menschen unter uns allen hier weggefahren. Die wissen ja gar nicht, dass sie in Frankfurt sind, die könnten genau so gut in New York aussteigen.
Welche Rolle spielt das Bankenviertel für Ihr Geschäft?
Seit dem Wandel, also nachdem die Banken die Häuser saniert und gekauft hatten, sind ja immerhin um die 30.000 Beschäftigte hier. Das hat natürlich eine Klientel gebracht und wir haben wieder Kunden. Denn normal laufen hier Leute rum, die nichts reparieren lassen. Das ist verständlich, denn die Leute müssen ja erst mal Schuhe kaufen, um sie reparieren zu lassen. Da wird mal was genäht oder ein Schnürsenkel ersetzt, dass ist aber auch dann alles. Es macht sich schon bemerkbar, dass Bänker auch Uniform tragen und dadurch halbwegs vernünftige Schuhe.
Das ist unser Geschäft. Schuhe reparieren ist immer noch das meiste. Wir machen zwar auch Maßschuhe, aber nur zu einem geringen Teil. Bänker fliegen nach London, gehen zu „Loop“ oder so und kaufen da für 300, 400 Euro handgemachte Schuhe. Das sind dann zwar nicht unbedingt Maßschuhe, aber sehr hochwertige. Hier kosten sie 1.000 Euro – ein Paar Maßschuhe.
Wie viele Schuhe reparieren Sie pro Tag? Und was kostet das denn in etwa?
Das schwankt zwischen 50 und 60 Stück. Wir machen ja jede Reparatur – Druckknöpfe oder Weiten, enger machen, höher machen, tiefer machen. Bei den Absätzen angefangen kostet das um die 10 Euro. Eine Komplettreparatur bei einem guten Herrenschuh geht auf 80 bis 100 Euro hoch.
Welches Modell war denn das außergewöhnlichste, das Sie gemacht haben?
Wir hatten einen, der wollte im Karneval eine Figur aus dem Fernsehen machen. Und der wollte 25 Zentimeter auf die Schuhe drauf gemacht haben. 18 Zentimeter haben wir drauf gebracht, auf einen ganz normalen Bundeswehrstiefel, das haben wir gebaut. Dann haben wir vorne und hinten Rollen gemacht wie ein Boot und dann haben wir das hier getestet und ich hab gesagt, komm, zieh die Dinger mal an. Wir haben zwei Platten Gummi darin verarbeitet, die Hälfte ist Abfall, denn man muss dann immer wieder schleifen und formen, damit er sich auch irgendwie bewegen kann damit. Der war auch happy damit.
Was war denn in Ihrem bisherigen Berufsleben für Sie eine große Herausforderung?
Wir hatten mal eine Paar Schuhe für die Hannelore Elsner gemacht. Das war sehr interessant für mich, da war ich bestimmt einen ganzen Monat unterwegs, immer hinter ihr her. Die dreht ja in Frankfurt diese Kommissarin, da haben wir in der Mailänder Straße im Büro gehockt, stundenlang, und dann im Wohnwagen. Da hab ich mit den Statisten zusammen gesessen, hab gut gegessen, hab Tage verbracht bis wir der die Maße angepasst haben.
Gibt es etwas, das Ihr Geschäft auszeichnet und zu etwas Besonderem macht?
Wir machen – und das war schon seit eh und je so – eine handwerkliche Arbeit. Wir schicken Leute weg, die denken sie könnten´s besser. Wenn jemand kommt und sagt „nähen Sie mir nur mal da drüber“, es soll ja nix kosten – nur mal so drüber nähen, das machen wir nicht. Entweder wir reparieren es, dann ist es repariert, dann kostet es auch etwas, oder wir brauchen die Zeit da nicht investieren. Aber die Leute erwarten ganz einfach – und dafür sind wir auch berühmt berüchtigt – bei uns gibt es Qualität. Wir reparieren jeden Schuh. Es gibt alles. Und wir arbeiten rund um den Fuß.
Sie haben pinke und goldene Maschinen im Raum stehen. Warum?
Die pinkfarbenen sind schon die älteren. Früher gab es graue Maschinen. So „Hammerschlag“, wie das dort hinten. Das ist die übliche Schuhmacherfarbe. Tausende von Schuhmachereien haben diese Maschinen. Und wir haben die irgendwo im Ruhrgebiet mal beim Kollegen Tobel gesehen, der hatte seine neuen Läden ausgerüstet mit pinkfarbenen. Ich hatte meine um 1977 orangefarben und wir hatten damals so Sauerkrautplatten in Orange mit Grün. Das sah auch gut aus, war aber zu dunkel. Und dann haben 10 Jahre später die nächsten Läden mit Pink angefangen. Weil das einfach mal was anderes war. Und auf Gold sind wir gekommen, als ich dann mit Oskar Mahler hier das Hammermuseum oben in den Laden gemacht habe. Da hatten wir den Spruch: „Handwerk hat goldenen Boden.“ Wir hatten am Hessentag mal einen Stand gemacht für das Schuhmacherhandwerk und da hatte das Handwerk „goldenen Boden“ und so haben wir den Boden gold gemacht. Wir haben einfach gesagt, dass das, was wir machen, auch anders sein muss und das haben wir seit 1941 auch konstant durchgehalten.
Gibt es heute Konkurrenten hier für Sie?
Es gab welche, aber es sind ja keine mehr da. Wir hatten in der Kaiserpassage welche, hier gegenüber, wo der Afrolook drin ist, in der Münchener 11, in der Weserstraße ist der Schönberger, das ist aber ein Orthopäde. Es gab ringsum Schuhmacher, die aber irgendwann aufgehört oder irgendeinen gefunden haben, der das Geschäft übernommen hat und nach zwei oder drei Jahren haben sie zu gemacht. Sie können es im Handwerk nicht über den Preis regeln. Sie können Qualität liefern, dann kriegen sie noch etwas dafür, dann verdienen sie was. Die Industrie ist die stärkste Konkurrenz, da die sich über den Preis definieren und schlechte Qualität liefern. Massenproduktion.
Haben Sie viele Stammkunden oder eher spontane Laufkundschaft?
Ich würde sagen 50/50. Wir haben ja jetzt elektronische Kassen und versuchen von den meisten Leuten die Adresse zu bekommen – nicht weil wir denen dann eine Waschmaschine liefern, sondern einfach, weil man wissen muss, mit welchem Kunden man es zu tun hat. Also 50 % würde ich sagen sind Dauerkunden und 50 % sind Leute, die von irgendjemandem mal irgendwas gehört haben, die von Kollegen oder von Hertie oder von Mister Minit geschickt werden. Heute Mittag war eine Dame da, die kam aus der Nordweststadt und der konnte keine Druckknöpfe machen. Dann haben wir ihr Portemonnaie repariert und die ist uns fast um den Hals gefallen. Die liebsten Kunden sind uns die, die in einer gewissen Weise Vertrauen haben, die kommen und sagen: „Das ist kaputt, können Sie mir das machen?“
Haben Sie ein Aussage zu Ihrem Geschäft und der wirtschaftlichen Lage?
Wir liegen im Moment bei 0 % Steigerung zum Vorjahr. Wir hatten letztes Jahr 19 % Steigerung und setzen monatlich zwischen 20.000 und 25.000 Euro um. Im Januar und Februar gab es eine leichte Steigerung, März war schwach, da waren aber auch viele Feiertage oder schlechtes Wetter und im April waren noch Feiertage. Das merkt man natürlich. Trotz dem ganzen Gejammer, den Leuten geht’s gut.
War das das Geheimnis, warum Sie noch immer erfolgreich sind?
Weil wir einfach immer besser waren als die anderen. Die haben es alle probiert, aber die haben die Preise gesenkt. An unser Qualitätslevel sind die nie rangekommen. Wir könnten sogar zwei Schuhmachereien nebeneinander betreiben. Einer macht Schuhe, der andere Reparaturen – auf hohem Niveau. Aber wenn ich einen kopieren will, dann muss ich ihn eben besser kopieren.
Sie nennen sich Schuhmacher. Vorhin, als Sie erzählt haben, dass jemand an Schuhen herumpfuscht, haben Sie das Wort „Schuster“ benutzt. Wo ist da der Unterschied?
Schuster kommt von „Sutor“, ist also eine uralte Bezeichnung. Aber irgendwann haben wir (die Schuhmacher) gesagt, wer rumpfuscht, der schustert irgendwas zusammen. Und das wollen wir ja nicht.
Was motiviert Sie, jeden Tag zur Arbeit zu gehen?
Die Triebfeder? Ich werde morgens um sechs wach. Um viertel vor sechs rappelt der Wecker und dann geh ich mit meinem Hund raus. Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach daheim zu sein. Ich faulenze auch mal einen Samstag oder Sonntag, das ist ja auch mal schön, aber sonst sind wir es von eh und je gewohnt – auch damals mit kleinen Kindern – unterwegs zu sein. Ich bin im Karnevalclub und in der Innung, ich brauch immer Leute um mich herum. Deshalb war es auch nie die Frage, irgendwo eine Schuhmacherei aufzumachen. Da stehst du dann alleine herum, dann kommt mal einer rein, sagt guten Morgen und geht wieder raus. Das wäre eine tödliche Beschäftigung für mich. Die Gegend ist halt auch unterhaltsam.
Stellen Sie sich vor, Sie wären jetzt in Limburg oder irgendwo. Ich sag immer „Kleinkrotzenburg“ – da ist doch tote Hose. Was wollen Sie da machen? Da müssen Sie geboren sein, damit Sie da leben können. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Leben lang gearbeitet und sagen dann – wie Kollegen von mir – jetzt bin ich 65, jetzt hör ich auf. Die sind doch alle schon in der Kiste. Was die dann plötzlich merken, was ihnen weh tut. Mir tut´s auch immer weh…
Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich am Tag?
Ich hab immer vor, weniger zu Arbeiten, aber in der Regel bin ich von morgens bis abends hier. Wenn ich einkaufen gehe oder nach Bayern fahre und hol Schäfte oder irgend so was, aber ich bin im Grunde immer hier. Von halb acht bis halb sieben.
Wann ist hier in Ihrer Schuhmacherei am meisten los?
In der Mittagszeit meistens. Dann haben die Bänker Zeit, wenn sie vom Markt angetüddelt kommen. Na, wenn Sie sehen, was die Bänker da trinken, mein lieber Mann. Ich staune da immer…
Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft – für Ihre und für die Ihres Ladens?
Es wäre schön, wenn es in irgendeiner Weise weiter ginge. Wäre schön, wenn ich ihm oder ihr – es gibt ja auch Schuhmacherinnen – sagen kann: „Wenn Du Urlaub hast, sag mir Bescheid, ich komm vorbei und helfe Dir.“ Damit ich meiner Frau nicht auf die Nerven gehe. Und wenn nicht, geh ich eben mit dem Hund spazieren oder so. Ich bin da etwas leidenschaftslos.