„Alle machen um 9 Uhr auf. Ich mache immer um 8 Uhr auf.“
— Atli Fatih, 38, Friseur/Geschäftsinhaber, Goldene Schere, Münchener Straße 25

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Im Rotlichtviertel sind Männer. Klar. Anfang August eröffnete
Atli Fatih seinen zweiten Salon nur für diese Zielgruppe.
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Wie lange haben Sie Ihr Friseur-Geschäft schon?
1.9.2002. Läuft sehr gut, Preis ist eher weniger, aber Gott sei Dank es läuft.
Hatten Sie erst geplant, mehr für einen Schnitt zu verlangen?
Ja, Preis ist wichtig, aber Service ist auch wichtig. Billiger Preis, aber guter Service!
Es gibt viel Konkurrenz.
Gibt es denn hier sehr viel Konkurrenz für Sie? Sie sind immerhin nur auf Männerschnitte spezialisiert.
Ja, sehr viel. Aber man muss probieren. Ist wie in einem Restaurant. Man muss hin und probieren, schauen wie das Essen ist und wie der Service ist. Hier ist es so: Guter Preis und gute Qualität.
Hatten Sie von Anfang an ein Konzept oder haben Sie einfach den Laden aufgemacht und geschaut ob es läuft?
Mein Konzept ist: Alle machen um 9 Uhr auf. Ich mache immer um 8 Uhr auf. Weißt du warum? Frankfurt ist eine Großstadt, alle müssen um 9 Uhr arbeiten, wollen aber zum Friseur. Die haben keine Zeit. Ich mache um 8 Uhr morgens auf. Abends mache ich um 20 Uhr zu. Manche Leute kommen um 20 Uhr, dann mache ich das auch. Es gibt Tee und ich bin vorbereitet.
Wann ist denn tagsüber am meisten los?
Nachmittags. Vormittags sind es eher wenige Leute. Ab 14 Uhr ist ein bisschen mehr los. Nachmittags dann noch mehr, vormittags eher nur so 3 oder 4 Kunden.
Wie sieht der Service bei Ihnen aus? Was genau bieten Sie an, damit der Kunde sich wohl fühlt?
Service ist, da kommt der Kunde, will die Haare schneiden. Ich schneide die Haare und mache extra die Ohren sauber. Kostet nur 10 Euro Haare schneiden, aber dann noch zusätzlich Ohren sauber und Nase sauber. Das ist ein Extraservice, aber der Preis bleibt bei 10 Euro, bleibt stabil. Zum Beispiel kommt ein Kunde zum ersten Mal, Haare schneiden mit Maschine und waschen, das kostet 10 Euro. Ist weniger Arbeit, man muss aber immer gucken, das ist Service. Zum Beispiel kommt ein Kunde mit mehr Haaren, man muss mit der Schere schneiden, das dauert dann 20 Minuten. Ist immer unterschiedlich, aber der Preis ist immer stabil. Der Kunde muss immer zufrieden sein.
Bedeutet das, dass Sie viele Stammkunden haben?
Ja viel, sehr viel! Über 50 % sind Stammkunden.
Das heißt ja, dass die sehr zufrieden sind, oder?
Ja, über 50 % kommen immer. Sind immer zufrieden. Ich habe viele deutsche Kunden, sehr viele Deutsche.
Kommen auch viele nur zum Bartschneiden hier her?
Ja. Zum Beispiel zum Rasieren. Oder zum Haare schneiden und dann wollen sie alles komplett. Auch Ohren und Nase säubern, alles komplett. Das ist Extraservice, aber zum gleichen Preis.
Geben Sie also dem Kunden immer etwas mehr mit als er eigentlich erwarten kann?
Meine Meinung ist: Kunde zufrieden, Kunde zufrieden, Kunde zufrieden! Dann erst bin ich zufrieden!
Kostet die Rasur auch 10 Euro?
Normal 8 Euro, aber die moderne Rasur 10 Euro.
Seit wann arbeiten Sie in diesem Beruf?
Seit 20 Jahren. Aber das Geschäft ist hier seit 2002.
Wie und wann sind Sie auf diesen Beruf gekommen?
In Istanbul. Meine Familie in der Türkei arbeiten alle auf der Baustelle. Aber da ist es im Winter kalt, es regnet, im Sommer zu heiß, das ist alles nicht so gut. Es ist nie stabil. Heute mal gut, morgen nicht. Ich brauche ein System.
Sind Sie richtig zufrieden mit der Berufswahl? War es die richtige Wahl?
Also, wenn ich wiedergeboren werden würde, ich würde wieder Friseur werden.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen im Bahnhofsviertel Ihren Laden aufzumachen?
Ich wollte hier arbeiten, in dieser Straße. Im Bahnhofsviertel, hier sind viele Büros. Jetzt ist Urlaubszeit, aber es sind viele Leute hier. Man sollte nicht an einen ruhigen Platz gehen, manchmal tut das gut, aber meistens ist es zu leer, nix zu tun.
Warum haben Sie sich dafür entschieden, einen reinen Männersalon zu eröffnen? War das Ihre Strategie?
Das ist hier ein Rotlichtviertel, Hauptbahnhof, hier sind viele Männer. In der Münchener Straße, hier laufen wenig Frauen rum. Das Problem ist auch der Platz. Dieser Platz hier reicht nicht für beides, es sind hier nur 100 m2 in diesem Laden. Man bräuchte sonst viel mehr Platz für alles Frauenzubehör. Männer, wenn die mal warten müssen, können sie alle hier sitzen, sich in Ruhe unterhalten, es ist genug Platz. Dann kommt beispielsweise eine Frau, die will sich unterhalten, das ist dann unangenehm. Manche mögen das nicht, dafür braucht man mehr Platz.
Was sind Ihre weiteren Pläne? Ihr großer Traum?
Ich mache einen neuen Laden auf. Am 1.8.2009 ist die Eröffnung vom zweiten Laden. Ich hoffe, es läuft gut. Ich teste das aus. Wenn damit alles gut läuft, dann überlege ich, einen dritten aufzumachen. Der zweite Laden ist auch wie hier, nur Männer. Der Dritte, der soll dann für Damen und Herren sein.
Was unterscheidet dann diesen von dem neuen Laden?
Das ist die Lage. Da drüben kommt mehr Laufkundschaft, das ist ein Platz, den viele Leute sehen. Ist nicht gerade weit, nur 200 Meter weiter, aber es ist eine gute Ecke. Es ist ein Platz für Stammkunden hier, der neue Laden ist ein Laufkundenplatz. Der wird sofort gesehen, gegenüber ist ein Restaurant und noch eins, da sitzen Leute und sehen den Laden die ganze Zeit.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn hier in Ihrem Laden?
Sechs festangestellte Mitarbeiter hier im Laden. Und dann werden fünf Mitarbeiter im neuen Laden sein.
Wie viele Kunden kommen in etwa am Tag zu Ihnen?
Vormittags ist nicht viel los, aber am Nachmittag. Nachmittags ist es stressig. Es läuft immer. Es gibt nie eine Garantie, aber wenn es richtig gut läuft, dann kommen 50, 60 Personen am Tag.
Was ist das Beste an Ihrem Beruf? Ich arbeite mit ganzem Herzen in meinem Beruf „Friseur“. Ich verstehe alles. Ich mache Rasieren, ich mache Haare schneiden, ich habe guten Kontakt zum Personal, zu den Kunden, zu den Nachbarn.
Also arbeiten Sie gerne in dem Beruf, weil Sie ihn so gut können?
Das ist ein großes Problem. Sie wollen Geld verdienen, aber viele haben keine Ahnung, von dem, was sie tun. Auch wenn einer kommt und mir ein Angebot macht, auf der Baustelle verdienst du 10.000 Euro im Monat garantiert, dann mach ich das nicht. Ich habe davon keine Ahnung. Das ist das größte Problem, man muss Ahnung haben davon, was man macht. Es werden Fragen gestellt, man muss auch antworten können.
Sie wollen also ungern beruflich ein Risiko eingehen?
Doch, ich gehe ein Risiko ein. Ich mache einen zweiten Laden auf. Aber hier läuft es gut, ich verstehe alles. Ich verstehe meinen Beruf und mache hier alles richtig. 80 % der Leute interessieren sich nur für´s Geld. Die interessieren sich nicht für Qualität oder Service. Die denken nur an heute oder in einer Woche, aber sie denken nicht, was ist in 5 Jahren oder in 10 Jahren oder in meinem ganzen Leben. Mein Neffe zum Beispiel hat seinen Schulabschluss gemacht. Er kam hierher und arbeitet und ist zufrieden. Jetzt versteht er, wie das läuft. Aber vor 2, 3 Jahren hat er es noch nicht verstanden, da war es ganz schlimm. Jetzt ist er Gott sei Dank ruhiger und alles ist gut. Am wichtigsten ist: Service, nochmal Service, Qualität und Sicherheit! Wenn Sie aber zuerst ans Geld denken, ist das nicht gut. Wenn man alles richtig macht, dann kommt das Geld eh von alleine. Manche Leute haben Millionen und sind nicht zufrieden, manche haben nur 500 Euro oder 1000 Euro und sind zufrieden.
An welches besondere Ereignis erinnern Sie sich hier im Laden?
Am Anfang war es schwer, aber dann wurde es immer besser. Wenn Sie positiv denken, dann ist am Ende alles okay. Wenn sie aber immer negativ denken und nochmal negativ, dann wirken sie auch negativ und das ist schlecht. Letztes Jahr war ich im Urlaub, im Juli. Dann wurde hier zwei Mal eingebrochen hier im Laden. In einem Monat zwei Mal! Ich habe drei Kameras für den Laden bestellt. Beim ersten Mal sind sie durch die Klimaanlage gekommen. Beim zweiten Mal haben sie das Schloss mit der Bohrmaschine kaputt gemacht. Obwohl ich zur Bank gehe und hier nur Münzen im Laden bleiben. Vielleicht hat jemand gesehen, der hier gesessen hat. In meiner Kasse waren 1.500 Euro, das war auch weg. Der hat jetzt ungefähr 4.500 Euro Schulden bei mir, das werde ich ihm nicht vergessen.
Sind die Diebe gefasst worden?
Das Problem ist, da draußen stehen die Leute, rauchen, trinken. Manchmal schlafen sie da. Ich weiss nicht, was um drei Uhr nachts da passiert. Die wurden nicht gefasst. Schade, ich bin mit allem zufrieden, aber dieses Thema… . Abends um halb neun kommt die Polizei und fragt, warum ich noch arbeite, aber wenn so etwas passiert, interessiert die das nicht. Das ist schade. Ich bin mit allem zufrieden in Deutschland, aber manche Sachen… .
Und einen Wunsch hätte ich da: Jedes Geschäft muss weiter laufen. Ich gebe Geld, ich investiere, vielleicht kaufe ich mir eine Wohnung. Mein Leben ist hier in Deutschland. Noch 20 Jahre, noch 30 Jahre. Ich zahle Steuern. Einkommenssteuern und Umsatzsteuern. Das mit den Steuern ist sehr kompliziert. Ich kann nicht jeden Monat 1.500 Euro Steuern zahlen, das geht nicht. Je mehr Geld man hat, desto einfacher wird es mit den Steuern. Aber für mich ist das schwierig. Sie verlangen von mir, ich soll korrekt sein, aber sie machen es einem sehr schwer. Einkommenssteuer 35 %,
19 % Umsatzsteuer, Löhne, Krankenkasse. Nur für den Strom bezahle ich 2.055 Euro! Jeden Monat. Nur Strom! Und dann noch Nebenkosten und dies und das. Das ist schon ein großes Problem, denn ich muss immer Einkommenssteuer zahlen. Egal wie viel ich in dem Monat verdient habe. Ich mache immer alles korrekt, aber habe keine Chance. Gesetze werden von Menschen gemacht. Dieses Gesetzt ist kein gutes Gesetz, das ist meine Meinung. Über 80 % bei der Bürokratie ist gut, aber manche Sachen verstehe ich einfach nicht. Aber ich kämpfe. Ich bin jetzt seit 11 Jahren in Deutschland. Habe nie einen Cent Sozialhilfe genommen. Ich bezahle Steuern, ich arbeite, bis zum Ende. Sie könnten mir 1.000.000 Euro anbieten, ich würde mein Geschäft trotzdem nicht im Stich lassen. Bei meinem Arbeitsplatz kämpfe ich bis zum Ende. Wissen Sie warum? Wenn meine Kinder fragen, was machst Du Papa, antworte ich, ich gehe arbeiten. Ich muss meinen Kindern oder meiner Familie eine gute Antwort geben können. Manche Leute arbeiten illegal und verdienen Geld, aber können ihrer Familie nie eine Antwort geben.
Möchten Sie in Zukunft in Deutschland und in Frankfurt bleiben?
Meine Lieblingsstadt ist Frankfurt. Ich bin hierher gekommen und bleibe bis zum Ende. Wenn weiter alles gut läuft, kaufe ich eine Wohnung. Ich gehe im Urlaub zurück, aber ich bleibe hier. Meine Schwester ist hier, meine Mutter und mein Bruder sind alle in Istanbul. Deutschland ist mein zweites Land.
Warum haben Sie sich entschieden, nach Deutschland zu kommen?
Ich habe geheiratet, bin hier nach Deutschland gekommen und habe gearbeitet. Ich bin nicht alleine. Meine Frau und meine drei Kinder. Wenn ich alleine wäre, könnte ich vielleicht zurück, das wäre kein Thema. Ich könnte dort auch ein Geschäft machen, das gut läuft. Aber ich muss an alle denken. Mein erstes Kind ist neun Jahre alt, mein zweites Kind ist vier Jahre alt und das dritte ist 10 Monate. Ich muss jeden von ihnen fragen, denn ich bin nicht alleine. Zuerst muss ich meine Frau fragen, dann meine Kinder. Zusammen gehen, da sagt meine Frau nein. Und? Soll ich mich scheiden lassen und zurück in die Türkei gehen? Nein, nein, nein. Ich bin ein Mensch. Geld hat man entweder viel oder weniger, aber ein Leben hat man nur einmal. Ich kann zurückblicken und bin zufrieden. Meine Frau weiß, ich gehe arbeiten, mache um halb neun oder neun das Geschäft zu und gehe heim. Das war nie eine große Frage. Meine Frau weiß auch, wie dieser Beruf ist. Jetzt sind hier so viele Kunden. Ich muss im Laden bleiben. Wenn um halb sieben oder sieben ein Kunde kommt, kann ich nicht das Geschäft zu machen. Ich muss bis 20 Uhr warten. Und wenn um 20 Uhr ein Kunde kommt, bleibe ich hier. Vielleicht kommt er von Wiesbaden oder aus Bad Homburg oder Gallus extra für meinen Friseurladen. Um halb neun geht es nicht mehr, aber wenn er kurz vor acht kommt, muss ich hier bleiben. Keine Frage. Gott sei Dank meine Frau ist ein sehr netter Mensch. Manche Frau sagt, du musst pünktlich kommen. Meine Kinder mussten zum Zahnarzt. Meine Frau weiß, wenn hier alles o.k. ist, komme ich mit ihr. Wenn nicht, muss sie alleine gehen. Ich bin glücklich. Drei gesunde Kinder, eine gute Frau und meinen richtigen Beruf. Ich bin Millionär, oder?